21.09.2026
Weinmythen
Sie halten sich hartnäckig. Aber stimmen sie auch?
Bitte bestätige, dass du mindestens
18 Jahre alt bist.
21.09.2026
Sie halten sich hartnäckig. Aber stimmen sie auch?
Wein ist voller Geschichten. Manche stammen aus alten Zeiten, andere werden von Generation zu Generation weitergegeben. Und einige halten sich so hartnäckig, dass man kaum noch hinterfragt, ob sie eigentlich stimmen.
Muss Rotwein wirklich bei Raumtemperatur serviert werden? Sind viele «Kirchenfenster» im Glas ein Zeichen für Qualität? Ist ein alter Jahrgang automatisch besser? Und warum heisst Vinho Verde eigentlich «grüner Wein»?
Zeit, mit ein paar Weinmythen aufzuräumen.
Dieser Satz klingt nach einer alten Weinweisheit. Und tatsächlich ist er genau das.
Das Problem steckt im Wort Raumtemperatur.
Früher waren Wohnräume deutlich kühler als heute. Ein Zimmer mit 16 bis 18 °C war keine Seltenheit. Heute sitzen wir im Winter in beheizten Räumen mit 21 oder 22 °C und stellen die Rotweinflasche auf den Tisch, weil man das eben so macht. Im Sommer sieht die Sache nochmals ganz anders aus. Wenn draussen 28 oder 30 °C herrschen, kann auch die Raumtemperatur schnell deutlich über dem liegen, was einem Wein guttut.
Nur: Bei 22 °C oder mehr schmeckt ein Wein nicht automatisch besser.
Im Gegenteil. Mit zunehmender Temperatur tritt Alkohol stärker hervor. Ein kräftiger Rotwein kann dadurch schwerer, wärmer und breiter wirken. Frucht und Frische verlieren gleichzeitig an Spannung.
16 bis 18 °C sind deshalb für viele Rotweine ein guter Ausgangspunkt. Leichtere, fruchtbetonte Rotweine dürfen sogar noch etwas kühler ins Glas.
Und das bedeutet ganz praktisch: Wenn die Flasche schon seit Stunden in der warmen Küche steht, darf sie durchaus noch einmal in den Kühlschrank.
Unsere Faustregel: Rotwein etwa 20 Minuten vor dem Trinken in den Kühlschrank stellen.
Und wenn wir schon beim Kühlen sind: Auch Weisswein direkt aus einem normalen Kühlschrank mit etwa 5 °C ist nicht immer ideal. Zu kalt verschliesst viele Aromen und lässt einen Wein weniger ausdrucksvoll wirken.
Deshalb auch hier die einfache Regel: Weisswein etwa 20 Minuten vor dem Trinken aus dem Kühlschrank nehmen.
Die richtige Trinktemperatur ist keine feste Zahl. Sie soll den Wein ins Gleichgewicht bringen.
Du schwenkst das Glas. Der Wein läuft langsam an der Innenwand hinunter und hinterlässt Schlieren, die sogenannten Kirchenfenster.
Je langsamer sie laufen und je ausgeprägter sie sind, desto hochwertiger der Wein?
Ein Mythos, der besonders gerne bei Degustationen auftaucht.
Tatsächlich erzählen die Kirchenfenster vor allem etwas über die physikalischen Eigenschaften des Weins. Alkohol, Viskosität und Oberflächenspannung beeinflussen, wie sich die Flüssigkeit am Glas verhält.
Ein Wein mit viel Alkohol kann ausgeprägte Kirchenfenster zeigen. Ein süsser Wein ebenfalls. Das macht ihn aber nicht automatisch besser.
Und genau deshalb sollte man beim Verkosten lieber auf das achten, was tatsächlich im Glas passiert: Aromen, Frische, Struktur, Länge und Balance.
Die Kirchenfenster dürfen schön aussehen. Kaufen würde ich einen Wein nur deshalb trotzdem nicht.
Sie sind ein physikalisches Phänomen und kein Qualitätssiegel.
Ein alter Wein hat etwas Faszinierendes.
Vielleicht steht irgendwo im Keller eine Flasche von 1998. Das Etikett ist etwas vergilbt, die Flasche mit Staub bedeckt. Man öffnet sie vorsichtig und erwartet einen grossen Moment.
Manchmal bekommt man ihn.
Manchmal bekommt man aber auch einen Wein, der seine beste Zeit längst hinter sich hat.
Denn Alter ist keine Qualitätsstufe. Wein wird durch Reife nicht automatisch besser. Er verändert sich.
Frische Frucht kann mit den Jahren zurücktreten. Dafür entstehen andere Aromen: getrocknete Früchte, Gewürze, Leder, Tabak, Erde oder Nussnoten. Tannine werden weicher, die Textur verändert sich.
Aber nicht jeder Wein besitzt die Struktur, Konzentration oder Balance, die es für eine lange Entwicklung braucht. Tatsächlich ist nur ein relativ kleiner Teil der weltweit produzierten Weine dafür ausgelegt, über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte zu reifen. Der überwiegende Teil wird innerhalb weniger Jahre nach der Abfüllung getrunken.
Und trotzdem lagern wir Wein manchmal viel zu lange. Man kann einen Wein tatsächlich auch zu Tode lagern.
Viele Weine sind dafür gemacht, jung getrunken zu werden. Und das ist überhaupt nichts Schlechtes.
Die interessantere Frage lautet deshalb nicht: „Wie alt ist dieser Wein?“
Sondern: „Was hat die Zeit aus diesem Wein gemacht?“
Weinwissen muss nicht kompliziert sein. Probieren, vergleichen, entdecken und dabei Neues lernen.
Manche Weine tragen ihren Namen so offensichtlich, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt.
Vinho Verde. Grüner Wein.
Also ein grüner Wein?
Nicht ganz.
Vinho Verde ist eine Weinregion im Nordwesten Portugals. Der Name bezieht sich nicht auf die Farbe des Weins, sondern wird mit der grünen, üppigen Landschaft der Region und dem jugendlichen Charakter vieler dort produzierter Weine in Verbindung gebracht.
Und dort wird längst nicht nur Weisswein produziert.
Es gibt Weiss-, Rosé-, Rot- und Schaumweine. Die Stilistik reicht von leicht und frisch bis zu ernsthaften, komplexen Weinen mit Struktur und Reifepotenzial.
Ein Vinho Verde muss also weder grün sein noch leicht und unkompliziert.
Vinho Verde ist kein Farbstempel. Es ist eine Weinregion mit erstaunlich vielen Gesichtern.
Das ist wahrscheinlich einer der hartnäckigsten Portugal-Mythen.
Portugal und Rotwein? Absolut.
Douro, Alentejo, Bairrada. Portugal kann kraftvolle, strukturierte, alkoholreiche und tiefgründige Rotweine. Aber wer Portugal darauf reduziert, verpasst einen grossen Teil dessen, was dieses Weinland ausmacht.
Im Norden gibt es frische Vinho Verde. Im Dão entstehen elegante und präzise Weine. Die Bairrada zeigt mit Baga ihre straffe, charaktervolle Seite. Rund um Lisboa prägt der Atlantik viele Weine. Madeira wiederum spielt in einer völlig eigenen Liga.
Und dann sind da die Rebsorten.
Rund 250 Rebsorten sind in Portugal zugelassen. Viele davon sind autochthon und ausserhalb des Landes kaum bekannt. Touriga Nacional, Baga, Encruzado, Arinto, Castelão oder Fernão Pires sind nur einige Beispiele.
Portugal kann kräftig. Aber genauso frisch, salzig, mineralisch, floral, elegant, saftig oder leicht.
Und auch bei den kräftigeren Weinen verändert sich einiges. Viele Winzerinnen und Winzer arbeiten heute bewusst daran, Weine mit weniger Alkohol und mehr Frische zu erzeugen. Angepasste Erntezeitpunkte, andere Lagen, präziseres Arbeiten im Weinberg und neue Wege im Ausbau spielen dabei eine Rolle. Auch das ist eine Antwort auf ein sich veränderndes Klima.
Wer portugiesischen Wein nur als schweren Rotwein kennt, hat eigentlich erst angefangen.
Portugal ist kein Weinstil. Portugal ist eine ganze Weinwelt.
Ein Wein aus einem neuen Barrique klingt erst einmal nach etwas Grossem.
Vanille, Toast, Kokos, Rauch und Gewürze können aus dem Fass in den Wein übergehen. Dazu kommen Sauerstoffkontakt und Zeit, die die Entwicklung des Weins beeinflussen.
Lange galt sichtbarer Holzeinsatz in vielen Weinwelten als Zeichen von Qualität und grossem Wein. Der berühmte Satz „No wood, no good“ bringt diese Haltung ziemlich gut auf den Punkt. Heute wirkt diese Vorstellung zunehmend überholt.
Denn Holz ist kein Qualitätssiegel.
Ein Fass kann einem Wein Struktur, Würze und zusätzliche Komplexität geben. Es kann Tannine abrunden und verschiedene Komponenten miteinander verbinden.
Es kann aber auch zu viel des Guten sein.
Wenn der Holzeindruck die Frucht überdeckt, bleibt am Ende vielleicht vor allem eines übrig: Holz.
Und manchmal ist genau das Gegenteil richtig. Manche Weine brauchen überhaupt kein Fass, um Tiefe und Komplexität zu entwickeln. Edelstahl, Beton, Amphore oder grosse alte Holzfässer können ebenso Teil einer bewussten Vinifikation sein.
Interessant ist auch, wohin sich viele Winzer heute bewegen. Statt neue Barriques einzusetzen, wird wieder häufiger mit Beton, grossen gebrauchten Holzfässern oder anderen Ausbauformen gearbeitet. Holz verschwindet dabei nicht unbedingt aus dem Keller. Es wird gezielter eingesetzt und oft nur noch als kleiner Bestandteil einer Assemblage verwendet, um Würze und Struktur beizusteuern.
Die Frage ist deshalb nicht: Wie viel Holz hat der Wein?
Sondern:
Was macht das Holz mit dem Wein?
Vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis hinter all diesen Mythen: Wein lässt sich nicht ganz so einfach in Regeln packen.
Temperatur, Reife, Glas, Holz oder Rebsorte. Vieles hängt vom einzelnen Wein ab. Von seinem Stil, seiner Struktur und davon, was man aus ihm herausholen möchte.
Deshalb lohnt es sich, die alten Regeln nicht einfach durch neue zu ersetzen.
Lieber probieren.
Einen Rotwein einmal etwas kühler servieren. Einen jungen Wein neben einem gereiften öffnen. Einen Wein mit und ohne Karaffe vergleichen. Einen portugiesischen Weisswein entdecken, obwohl man bisher nur Rotwein aus Portugal kannte.
Denn am Ende ist Wein kein Multiple Choice Test.
Die beste Regel ist die, die dich neugierig macht, selbst ins Glas zu schauen.
Vergiss die alten Regeln und entdecke unsere Weine aus Portugal...
Winzer, Regionen und Ideen – entdecke, was hinter den Weinen steckt.
Warum diese Begriffe mehr Klischee als Beschreibung sind
Mehr lesen
18 Beiträge